Gänzlich unverbindlich – Wer braucht die UVP?

Für Schnäppchenjäger war sie mal der Referenzpunkt. Damals in den Zeiten, als das Internet noch für Nerds war beziehungsweise als man noch dicke Kataloge wälzte und zu Recherche und Preisvergleich in die Elektronikmärkte ging. Diese Zeiten sind vorbei und das Ende des Referenzpunktes ist auch eingeläutet. Wie lange gibt es die unverbindliche Preisempfehlung (UPE) bzw. den unverbindlichen Verkaufspreis (UVP) noch?

Referenzwerte des UVP

Der Mensch ist ein relationales Wesen. Er vergleicht jedenfalls immer, auch wenn er es selbst gar nicht mehr mitbekommt. Vieles geschieht schon automatisch im Unterbewusstsein. Ziel des Hirns ist es nämlich immer einen Bezug herzustellen und eine Einordnung vorzunehmen. Dies zeichnet den Menschen aus, auch wenn diese Hirnleistung in kleinerem Maße auch bei Tieren festzustellen ist. Ein ausgewachsener Hirsch reagiert auf einen Fuchs anders als auf einen Wolf. Der Mensch reagiert auf eine große Spanne zwischen UVP und Angebotspreis auch anders als auf eine kleine Spanne.

Es sind oft nur Sekundenbruchteile. Aber diese entscheiden darüber, ob man schnell weiterblättert, weiterklickt bzw. weiterscrollt. Oder ob man den Fokus des Auges gezielt auf das Angebot richtet. Tut man dies, ist die Bewusstseinsschwelle überschritten und der Verkäufer hat mit seinem Angebot das erste Ziel erreicht. Ob er das finale Ziel ebenfalls erreicht, das Produkt also verkauft, ist natürlich eine andere Sache. Hier kommt dann der moderne Mensch mit all seiner Rationalität („Brauche ich einen zweiten Wasserkocher?“), aber auch Emotionalität („Der Wasserkocher sieht einfach super aus, den muss ich mir kaufen!“) ins Spiel.

Ist weniger mehr?

Je mehr man „spart“, desto mehr kann man für andere Dinge ausgeben. Dieses Motto zieht gleich in doppelter Stärke, wenn es darum geht, dass man etwas kaufen muss, was man eigentlich nicht kaufen möchte. Sei es der Schul-Taschenrechner, der weniger kann, aber doppelt so teuer wie ein simples Smartphone ist. Neue Stoßdämpfer für den Altwagen, der eigentlich nur noch ein paar Monate durchhalten muss. Doch Moment: Kosten die Stoßdämpfer bei der namhaften Werkstatt-Kette nicht genau so viel wie beim Vertragshändler? Und wo ist bei den grafischen Schul-Taschenrechnern denn heute überhaupt noch eine echte Auswahl gegeben?

Taschenrechner-Fan und Stoßdämpfer-Experte Volker Sprotkoviak stand uns zu diesen kniffligen Fragen zur Verfügung. Allerdings konnten wir ihn im Telefon-Interview nicht hören. Er versicherte uns aber im Nachgang, dass dies normal sei. Er habe schließlich nichts gesagt, sondern wegen der Marktlage nur mit den Schulter gezuckt und den Kopf geschüttelt.

Als wir Sprotkoviak darauf hinwiesen, dass dies einer gewissen Skurrilität und Kontraproduktivität nicht entbehren würde. Meinte er nur trocken, dass er kürzlich bei einem Preisausschreiben einen Pantomime-Kurse an der Volkshochschule Bielefeld gewonnen habe. E sei ein Teil der Abschlussprüfung, die gesammelten Erfahrungen und das erlangte Wissen im Alltag einzusetzen. Getreu dem Motto „Weniger sprechen, mehr rumhampeln“.

Unverbindlich?

Was ist an einer Empfehlung eigentlich „unverbindlich“? Steht sie schwarz auf weiß auf dem Papier oder in Pixeln online, so ist sie doch nicht mehr unverbindlich, oder? Es ist ja festgelegt, wo die Preisempfehlung, aber nicht, wo der reale Verkaufspreis liegt. Dieser wird ja durch den Einkaufspreis bestimmt und wie große die Gewinnspanne des (Weiter) Verkäufers ist. Seit 43 Jahren gibt es keine Festpreisbindung bei Markenartikeln mehr. Doch weiß der Endkunde, ob innerhalb der Wertschöpfungskette nicht doch eine vertikale Preisbindung existiert? Warum muss das Bundeskartellamt, welches ja eigentlich wahrlich genug mit dem Energie/Treibstoff/Pharma-Markt zu tun haben müsste, seiner Missbrauchsaufsicht nachkommen?

Wenn man nicht gerade Adam Smith heißt, sondern eher Joseph Schumpeter, weiß man, dass der Kapitalismus zur Marktzentralisierung drängt, zu Monopolen. Den UVP bei Produkten unterschiedlicher Hersteller zu vergleichen, wird dann in etwa so einfach wie der Vergleich, was sich zum Atmen besser eignet: Luft oder Holzbretter. Auch auf der Verkäuferseite wird es nicht einfacher, denn der stationäre Handel verliert an Bedeutung und online wird dann sowieso alles via Idealo, Geizhals, Google-Shopping & Co. verkauft – wobei „& Co.“ noch gültig ist.

Schaut man sich Amazon mit all seiner Macht an, vor allem auch mit den SE-optimierten Durchverkaufsseiten, dann wird sich das binnen weniger Jahre dramatisch ändern. All das wirft dann letztlich die zentrale Frage auf: Ist der UVP denn überhaupt notwendig? Einige Hersteller geben ihn schon gar nicht mehr an… und vermisst ihn jemand? So wie bei den Schmerztabletten und beim Benzin? Oder beim Eurofighter?

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