Es gibt viele Phänomene der modernen Welt und die meisten sind auf den ersten Blick technologischer Natur (Connectivity, mehr Leistung, mehr Elektronik etc. pp), auf den zweiten allerdings sozialer. Das Phänomen namens Mensch wird selbiger nie in Gänze ergründen können, aber ansatzweise offenbart sich eine Struktur, keine unbedingt immer logische, aber eine des Öfteren intersubjektiv nachvollziehbare.

Phänomene der modernen Welt

Über Dekaden hinweg waren beleuchtete Bedienelemente als „Spielerei“ verschrien und man darf festhalten, dass die Funktionalität eines Geräts nicht von Lämpchen beeinflusst wird. Wohl aber geschieht dies bei der Handhabung. Wer kennt das nicht: Eine kurze Nacht, ein früher Morgen, das grelle Licht in der Küche vermeidet man dann lieber. So auch Volker Sprotkoviak, der Vollzeitphotonologe der HAUS & GARTEN TEST, der dies ebenfalls schafft, obwohl sein Gehirn den Boot-Prozess noch gar nicht abgeschlossen hat. In Volkers BIOS ist seit der Geburt „Müde Augen und helles Licht vertragen sich nicht“ programmiert. Selbst das Display seines Smartphones, welches er als Wecker nutzt, ist zu früher Stunde noch gedimmt, auf 35 Prozent Leuchtstärke.

One-Touch-App

Volker hat extra hierfür eine One-Touch-App installiert, da sich sonst die AMOLEDs in die Netzhaut brennen. Fast schon zombiehaft steuert Volker seinen Körper durch die Küche gen Kaffeevollautomat, wo nur ein kleines Lämpchen glimmt. Doch just dieses genügt als Fokusobjekt, als Ziel für den Zeigefinger. Doch dann: Schock! Das große Touch-Display erstrahlt plötzlich einer Supernova gleich in allen Farben des Regenbogens, blendet Volker, der daraufhin nicht das Lungo-Sensorfeld antippt, sondern das Feld für den doppelten Espresso – Volker flucht.

Der fiese, frühe Morgen lief nicht gut, so recht konnten die Augen die Lichter der modernen Welt noch nicht verarbeiten. Da schleift sich Volker zum Auto, betätigt die Fernbedienung und wird abermals geblendet, denn der namhafte deutsche PKW-Hersteller ist der Meinung, die Lichter am Wagen müssen dem Nutzer blinkend „Hallo“ sagen, wenn der Wagen entriegelt wird – Volker flucht.

Alles Routine

Einsteigen, die Augen reiben, durchschnaufen, Engine-Start-Taste drücken. Alles Routine, alles schon hunderte Male erlebt, doch dieser Tag hat es wahrlich in sich: Das Mäuse-Kino an Anzeigen erstrahlt in voller Pracht, das Entertainment-System wirft das 8-Zoll-Display in der Mittelkonsole an, der Check durchläuft alle Sensorleuchten wie eine fallende Dominosteinreihe. Hirn und Augen sind irritiert, das Sprachzentrum allerdings funktioniert prächtig – denn Volker flucht.

Am Horizont kann man erahnen, dass der Sonnenaufgang auch an diesem Tage stattfinden wird. Wenn einem die Auswahl an Religionen und Göttern nicht genügt, obwohl der Mensch auf diesem Sektor ja äußerst kreativ ist, dann kann man wenigstens daran glauben, dass täglich die Sonne aufgeht – statistisch betrachtet ist das ein risikoarmer Glaube, ein friedlicher (abgesehen vom Sonnenbrand) sogar noch dazu. So sieht es auch Volker. Was er aber ebenfalls sieht, sind die Frontscheinwerfer der entgegenkommenden Autos, als er von der Neben- auf die Hauptstraße biegt. Früher – so erinnert sich Volker – hat man über die wenigen LKW geflucht, weil deren Scheinwerfer vergleichsweise hoch über dem Asphalt bzw. dem Kopfsteinpflaster angebracht waren und daher zum Blenden tendierten.

Heute aber, wo gefühlt 200 Prozent aller Neuwagen ach-so-tolle SUVs sind, regt man sich über die LKW nicht mehr auf, denn im Gegensatz zu den SUV-Fahrern wissen die Trucker, dass man in der Stadt die Leuchtweitenregulierung ruhig auf die niedrigste Entfernungsstufe einstellen kann. An der ersten Ampel bleibt ein SUV hinter Volkers Kleinwagen stehen, im Innenraum des Volkermobils geht spontan eine doppelte LED-Sonne auf – Volker flucht.

Lieblingskreuzung

Weitere Phänomene: Auf Arbeit angekommen, die Sonne hat sich mittlerweile über die Horizontlinie erhoben, schlendert Volker in sein Büro. Es ist ein helles und an diesem wolkenlosen Freitag besonders hell, weil die Reinigungsfirma die großen, bis zum Fußboden reichenden, nach Osten gerichteten Scheiben über Nacht gereinigt hat. Volker genießt diese Atmosphäre, der lange Arbeitstag verliert an Gewicht und als Volker am Abend sowohl wortwörtlich als auch metaphorisch das Licht ausmacht, kehrt Ruhe ein.

Als Volker schon auf dem Heimweg ist und in der Innenstadt an seiner „Lieblingskreuzung“ den Blinker setzt, fällt ihm auf, dass am Wagen bisher nur das Tagfahrlicht aktiv war, nicht aber das Abblendlicht. Volker wundert sich, denn kein entgegenkommendes Auto lichthupte ihn an, kein Fahrradfahrer winkte ihm zu, nicht einmal an der Fußgängerampel gestikulierten die Zweibeinnutzer – Volker wollte schon anfangen zu fluchen, besann sich aber, schaltete einfach nur die Scheinwerfer ein und dachte sich: „Ich gönne mir jetzt mal ein dunkles Wochenende.“

… to be continued… in Ausgabe 5.2017.

Autor: Jan Stoll

Bildquelle:

  • Kolumne_Phänomene_Startbild: © Auerbach Verlag